Montag, 9. Mai 2016

Neue Väter braucht das Land?

10 Monate nach der Geburt unseres zweiten Sohns habe ich Elternzeit genommen. Mit vier Monaten war diese Elternzeit deutlich länger als die üblichen zwei Vätermonate. Das war vor fünf Jahren. Zeit, einmal rückblickend auf die Auswirkungen dieser Elternzeit zu schauen.


Warum vier Monate?

Entgegen vieler Meinungen und vielleicht auch entgegen so mancher Praxis, waren meine vier Monate Elternzeit kein erweiterter Urlaub, den wir als "Auszeit" für die Familie genutzt haben. Es war vielmehr die Möglichkeit für meine Frau wieder zu 100% in ihrem Job einzusteigen. Wir haben also tatsächlich für vier Monate die Rollen getauscht.

Berufliche Auswirkungen

Ich war damals in einem Mineralölkonzern angestellt. Mit mehreren Tausend Angestellten allein in Deutschland war aus Sicht des oberen Managements die Aktzeptanz der Elternzeit keine Frage. Beim direkten Management sah das hingegen anders aus.
Mein direkter Vorgesetzer aus dem sogenannten Mittelmanagement war von der Idee wenig begeistert. Er war nicht deutschen Ursprungs und zudem nicht daran interessiert, sich mit deutschen Gesetzen auseinanderzusetzen. Sein erster Ausspruch, als er von meiner Idee der Elternzeit hörte, lautete: "Ich entscheide, wenn Du in Elternzeit gehst."

Ich habe damals diese Aussage unkommentiert gelassen. Für diejenigen, die das deutsche Prozedere rund um die Elternzeit ebenfalls nicht kennen: die Elternmonate sind an das Geburtsdatum des Kindes gekoppelt. Die Elternzeit kann zudem nur monatlich genommen werden. Ist das Kind z.B. am 10. eines Monats gekoppelt, so enden die Elternmonate immer am 09.

In einem Großkonzern, vor allem an diesem Standort des Mineralölkonzerns, wurden Probleme gerne ausgesessen. Sprich, man wartet einfach, bis sich ein Problem von selbst löst oder jemand anderes kommt, um es zu lösen. Bei dieser Personalfrage war das natürlich wenig zielführend. Und obwohl ich direkt nach der Geburt meines Sohnes meinem Vorgesetzten vom Vorhaben der Elternzeit unterichtet habe, stand er nach verstrichenen untätigen 10 Monaten vor dem Problem, dass ich für vier Monate ausfalle. Mit Hängen und Würgen wurde ein Ersatz für mich gefunden, der mich in dieser Zeit vertreten hatte.

Selbstverständlich fällt ein solches Problem auf den Mitarbeiter, als in diesem Fall auf mich, zurück. Natürlich fand mein damaliger Vorgesetzter einen Grund, mich negativ (intern) zu bewerten. Eine Beschwerde bei seinem Vorgesetzten war nicht hilfreich. Er war mit anderen Problemen beschäftigt. Im übrigen öffentlich wirksame Probleme, die bis heute anhalten. Da wollte er sich mit solchen personellen Querelen nicht abgeben. Zumindest vor einem kleinen Mitarbeiter wie ich es war. Eine interne Versetzung in eine andere Abteilung lehnte er ab.

Also zog ich selbst die Notbremse und wechselte das Unternehmen. Nicht wissend, dass intern mein Chef auf der Abschussliste stand und vom Standort weggeleobt wurde. Er wurde in einen Stab ohne Personalverantwortung versetzt. Für mich war es zu spät. Ich hatte schon gekündigt.

In diesem Fall leider zu voreilig, denn die Folgestelle erwies sich als Fehlschlag, von der ich nach weiteren zwei Jahren weg bin. Immerhin konnte ich in beiden Fällen sehr gute Arbeitszeugnisse erwirken, denn ich habe erfolgreich diese Vorkommnisse nicht meine eigentliche Arbeitsleistung beeinflussen lassen.

Als Fazit bleibt, dass für meinen Fall die Elternzeit sich massiv negativ beruflich ausgewirkt hat. Und zwar nicht, weil das Topmanagement sich gegen eine solche Zeit gesträubt hat, sondern vielmehr weil der direkte Vorgesetzte sich dagegen ausgesprochen hat.

Finanzielle Auswirkungen

Eine Elternzeit kostet Geld. Und zwar doppelt. Dies gilt als Warnung für alle frisch gebackenen Eltern. Man muss sich immer vor Augen halten, dass Eltern gerne mehrfach zur Kasse gebeten werden. Viele rechnen mit dem geringeren Einkommen. Das Gehalt fällt weg und man erhält vom Staat das Elterngeld.

Was aber niemand sagt, kommt mit der Steuer. Das Elterngeld ist zwar steuerfrei, aber man rutscht in den Progressionsvorbehalt. So nennt der Staat es, wenn er das Elterngeld indirekt besteuert. Man muss mit einer Steuernachzahlung rechnen, wenn man in Elternzeit war.

Familäre Auswirkungen

Ich wollte gerne ein Vater der neuen Generation sein. Ich habe die Kinder in die Kita gebracht und abgeholt, habe die Nachmittagsverabredungen organisiert und den Haushalt geschmissen. Die Arbeit ruhte tatsächlich und ich wurde für vier Monate Hausmann.
Aber mein Wirkungskreis überschnitt sich plötzlich mit dem meiner Frau. Sie hat ihre eigenen Vorstellungen, wie der Haushalt zu führen ist. Sie war oftmals mit anderen Müttern befreundet, so dass sie mit ihnen ebenfalls Verabredungen ausmachte, so dass sich plötzlich manche Termine überschnitten.

Und so entstanden plötzlich neue Konfliktfelder. Verabredungen mussten umdisponiert werden, Familienunternehmungen schlugen fehl oder es gab Streit über simpelste Dinge, dass z.B. plötzlich die Bodys der Kinder anders zusammengelegt waren.
Natürlich galt (und gilt): reden hilft. Aber der "Verwaltungsaufwand", wenn ich das mal so nennen darf, wuchs plötzlich enorm an.

Mittlerweile sind wir wieder ins klassische Rollenbild zurückgefallen. Oder sollte ich besser sagen, dass wir dorthin zurückgedrängt wurden?
In mir bleibt zumindest ein Gefühl zurück, dass unsere Gesellschaft nicht für eine solche Rollenvermischung bereit ist.
Dazu trägt bei uns hauptsächlich die Arbeit bei. Meine Frau in einem Sozialberuf, ich in der Marktwirtschaft.

Die Elternzeit hat zumindest in unserem Umfeld gezeigt, dass diese Durchmischung der Aufgaben schlechter als die mehr oder minder klassische Rollenverteilung funktioniert.

Warum trotzdem Elternzeit?

Ich rate trotzdem jedem Vater zu einer Elternzeit! Es hatte einen Grund, weshalb wir uns entschieden haben, dass ich die letzten der möglichen Elternzeitmonate nehme (also die Monate 10-14). Als Vater eines Stillkindes hat man deutlich mehr davon.

Ich habe z.B. die Kita-Eingewöhnung übernommen, die vom Vater meist einfacher durchzuführen ist. Aber das wichtigste, das für die Elternzeit spricht, ist das klassische Klische: das Kind ist nur einmal Kind!
Das Kind baut eine Beziehung zu einem selbst auf. Man wird zur Nr. 1 für das Kind. Als Vater bekommt man eine Kindsentwicklung mit, die einem vorher verborgen bleibt, weil man einfach nicht anwesend ist. Es ist möglich, eine vollkommen andere Beziehung zum Kind aufzubauen.

Und ich selber gewichte die Erfahrung, die ich damals mit den Kindern gemacht habe, deutlich höher als die Karriereentwicklung, die mir mit der Elternzeit verbaut wurde.

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