Montag, 13. Juni 2016

Mein Kind ist irgendwie anders ... Teil 3: Auf dem Weg zu einer Diagnose

In meinen letzten Beitragen zu unserem Größten, habe ich beschrieben, wie wir den Weg zu einer Tagesklinik gefunden hatten. Oder besser, wie wir dorthin geführt wurden.

Zwischenzeitlich hatte uns sogar seine Lehrerin angesprochen, dass er ein wenig anders sei und "man etwas tun müsse". Als sie hörte, dass wir zwecks Abklärung schon aktiv waren, hielt sie sich zurück.

Auf Station

Man darf sich nicht der Illusion hingeben, dass wenn es mit der Behandlung auf der Station losgeht, sofort eine Besserung eintritt. Es ist nämlich genau das Gegenteil der Fall. Die ersten Wochen waren heftiger als wir es von unserem Sohn gewohnt waren. Eine Tendenz, die zu erwarten war. Immerhin wird das Kind in eine extreme Situation versetzt. Nicht nur, dass die Umgebung vollkommen neu war, auch der Betreuungsschlüssel war ein vollkommen anderer.

Der Erfahrung der Stationsärzte nach sollte es zu einer Besserung in der Mitte der Aufenthaltsdauer kommen bis es dann gegen Ende wieder auffälliger wird.

Beim zweiten Elterngespräch gab es eine Unterredung mit der Psychologin. Es wurde festgestellt, dass Methoden unserem Sohn helfen, die man beim Umgang mit Autisten kennt. Die Psychologin drückte sich eher vorsichtig und zurückhaltend aus. So war es eher auffällig, was ihm half und wie er sich in der Klinik gab. Sie haben ihn als fröhlichen Jungen beschrieben, der hin und wieder in manchen Situationen "festhing".


Kehrtwende

Es kam einige Wochen später das dritte Elterngespräch. Die Diagnose Autismus war vom Tisch. Die Ärzte und Pädagogen waren nun eher auf dem ADHS-Tripp. Irgendwie scheinen dann doch alle Experten auf dem ADHS-Weg zu sein. Wir haben das erst Mal so akzeptiert, ohne dagegen massiv zu intervenieren. Parallel wurde uns ein Elterntraining angeboten, das wir angenommen haben. Viel Neues wurde uns dort allerdings nicht berichtet.

Weitere vier Wochen später kam die Frage, wie wir uns mit der ADHS-Diagnose fühlten. Die Antwort war einfach: schlecht. Das konnte die Psychologin bestätigen, denn ADHS war nun ebenfalls vom Tisch und nun war das Team bei der sozialen Ängstlichkeit angelangt.

Wir haben nicht nur "Dr. Google" befragt, sondern auch diverse Studien dazu im Netz gefunden. Unser Großer mag alles mögliche sein, aber sozial ängstlich war und ist er nicht. Im fünften Elterngespräch haben wir auf die Psychologin eingewirkt. Sie konnte unsere Einwände nachvollziehen.

Wir haben uns schlussendlich darauf geeinigt, dass derzeit keine Diagnose gestellt werden kann.

Immer noch ratlos und irritiert

Im Frühjahr des Jahres 2016 haben wir uns an einen ortsansässigen Psychologen gewandt. Dieser hatte uns das Verhalten der Uni-Klinik erläutert. Das dortige Team hat im Dunkeln getappt und konnte unseren Sohn in kein bekanntes Schema pressen. Sie haben ein Ausschlussverfahren angewandt, dieses aber so nicht mit uns kommuniziert.

Schlussendlich bleibt uns ein fahler Geschmack, wenn wir auf den Tagesklinikaufenthalt zurückblicken. Unser Sohn war recht jung. Vermutlich zu jung, als dass man eindeutig erkennen konnte, was ihn irgendwie anders machte. Aber warum konnte uns das Team aus Psychologen und Pädagogen nicht darüber aufklären?

Ich selbst bin über die Arbeit der Psychologen recht erstaunt. Zum einen hat das Team der Tagesklinik unseren Sohn recht schnell von einer Schublade in die andere gesteckt und zum anderen haben sie uns, den Eltern, das Gefühl gegeben, als hätten wir Schuld am Verhalten unseres Sohns. Als wäre unser Verhalten Auslöser für sein Verhalten.
Ein Schuh, den wir uns nicht anziehen, denn ganz im Gegenteil glauben wir, dass unser Sohn recht intelligent ist und wir ihm beigebracht haben, wie er auf bestimmte Situationen reagieren muss.

Das Team der Tagesklinik hat es sich in meinen Augen in manchen Dingen zu einfach gemacht. Es hatte nicht nur einen hohen Betreuungsschlüssel (z.B. max vier Kinder pro Lehrer in einer Schulklasse, pro Spielgruppe mind. vier Betreuer, so dass eine zwei zu eins Betreuung gegeben war), sondern hatte massiv mit einem Belohnungssystem gearbeitet. Es gab nicht nur täglich Kakao und Kekse, sondern auch diverse kleine Spielzeuge. Alles mussten sich die Kinder in irgendeiner Art verdienen, in dem sie so agierten, wie das Team von ihnen verlangte.

Wir benutzen zwar auch ein Belohnungs- und Verstärkungssystem, aber das war nun wirklich derart übertrieben, dass wir es nicht in der Praxis einer fünfköpfigen Familie umsetzen können.

Positives

Es gab aber nicht nur negatives vom Aufenthalt zu berichten. So haben wir zum Beispiel explizit nach Empfehlungen für den Umgang mit ihm gefragt, die auf seine Situation zugeschnitten waren. Viele Empfehlungen von Erziehungsberatern zielen auf Einzelkinder ab. Geschwisterkinder bleiben i.d.R. unberücksichtigt. Immerhin hat er noch zwei Brüder, die genau beobachten, wie wir mit dem Großen umgehen.

Ein besonderer Leitsatz war:
Alle Aufmerksamkeit dem Größten.
So hatten wir das noch gar nicht betrachtet, aber es stimmt. Die kleineren Geschwister holen sich die Aufmerksamkeit, die sie brauchen. Das gilt auch für das "Sandwichkind".

Eine zweite Empfehlung: Der Große muss als erster alle Kämpfe in der Familie führen. Wie sollten ihm etwas besonderes, nur für ihn gültiges einräumen.
Seither darf er sich ganz allein einen Filmabend am Wochenende verdienen, wo er als Großer einen Film bis in den frühen Abend schauen und auch etwas länger aufbleiben darf.

Aussichten


Der ortsansässige Psychologe ist kein Freund von Diagnosen, weil diese das Schubladen-Denken fördern. Für eine Erstdiagnose war unser Sohn eindeutig zu jung. Das hätte man in der Tagesklinik erkennen und offen kommunizieren können.

Unser jetziger Anlaufpunkt hat auf den ersten Blick zumindest einen sehr sympathischen Eindruck hinterlassen und uns direkte Handlungsempfehlungen gegeben, mit denen wir etwas anfangen können. Fakt ist, dass unser Sohn irgendwie anders ist und vermutlich auch immer bleiben wird.

Streitfrage Diagnose

Selbst unter Psychologen ist umstritten, ob es Sinn macht, dem Kind eine Diagnose zu geben. Dafür spricht, dass man im Kontakt mit neuen Gruppen sofort klarstellen kann, dass das Kind irgendwie anders ist. Wenn man direkt bei der Anmeldung sagt, dass das Kind irgendeine Art von Verhaltensauffälligkeit hat, dann können sich die Verantwortlichen darauf einstellen.

Aber genau hier liegt auch die Gefahr. Wenn man direkt mit einer Diagnose in eine Gruppe kommt, wird das Kind auch gleich in eine Schublade gesteckt. Es wird von vornherein verhindert, dass das Kind gleichberechtigt zu den anderen behandelt wird. Und es wird befürwortet, dass das Kind in eine Schublade gesteckt wird, von der die Verantwortlichen wenig wissen.

Und so bleiben auch wir, die Eltern, in dieser Zwickmühle vorerst gefangen.

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