Mittwoch, 27. Juli 2016

Alte Kamellen sind keine Erklärung - über die Sinnlosigkeit der Killerspieldebatte

Ich gestehe: Ich spiele Killerspiele. Und das sogar schon relativ lange. Genau genommen seit dem Erscheinen der ersten Spiele dieser Art. Ich habe mitbekommen, wie diese Spiele an den Pranger gestellt wurden und sich viele Wissenschaftler mit der Thematik befassten.

Gleichzeitig habe ich ebenso mitbekommen, wie damals der Journalismus über die Killerspiele berichtete und wie schlecht recherchiert die Artikel waren. Da wurden schon mal aus Half-Life, aus dem später das Spiel Counterstrike als Mod hervorging, das die Hauptdebatte auslöste, zwei Spiele namens Half und Pipe.

Kurze Zeit später kamen die ersten Journalisten auf die Idee, sich ebenfalls etwas intensiver mit der Thematik zu befassen und die ersten besser recherchierten Artikel erschienen. Und plötzlich war ein kausaler Zusammenhang zwischen Gewalttaten und Killerspielen in weite Ferne gerückt.


Gefangen in der Vergangenheit


Das war vor (im Computerzeitalter gerechneten Zeit) sehr langer Zeit.

Und nun werden diese alten Kamellen herausgekramt, um die fürchterlichen Ereignisse von München erklären zu wollen. Ausgerechnet der Bundesinnenminister bezeugt mal wieder, wie wenig die CDU das digitale Zeitalter erreicht hat. Das hätte man eigentlich von der CSU erwartet.

Aber eines hat sich grundlegend geändert: Die Medien. Denn plötzlich springen die Medien nicht auf den lahmen Karren auf, wie zum Beispiel der Artikel in der Online-Ausgabe der Süddeutschen zeigt, in dem es heißt:

"Klar sei, dass das "unerträgliche Ausmaß von gewaltverherrlichenden Spielen im Internet auch eine schädliche Wirkung auf die Entwicklung von Jugendlichen hat. Das kann kein vernünftiger Mensch bestreiten", sagte de Maizière. Er implizierte damit: Der mutmaßliche Täter David S. habe sich von solchen Spielen inspirieren lassen."

Auch der Stern berichtet ähnlich in seinem Onlineangebot.

Es war und ist eine sehr bequeme Art und Weise, einfach ein paar Computerspiele heranzuziehen, um solche Taten erklären zu wollen. Warum Killerspiele keine Killerspiele sind, kann in einem solchen Blogbeitrag nicht hinreichend dargelegt werden. Befassen sich doch etliche Studien damit, die alle eben keinen Zusammenhang nachweisen konnten.

Vielmehr sollte gerade das Innenministerium, an dessen Spitze de Maizière steht, den wirklichen Ursachen nachgehen, warum es gerade in Deutschland derzeit zu einer Häufung schrecklicher Ereignisse gekommen ist, die auf den ersten Blick keinerlei Verbindung zueinander haben.

Auch ist die Frage nach dem Sinn und Zweck von Killerspielen überflüssig. Denn selbst, wenn man alle Spiele als solche bezeichnen würde, die eine USK-Einstufung von "ab 18" erhalten haben, so liegt deren Anteil am Gesamtspielemarkt bei ca. 10%.
Ebenso kann man vielen Menschen nicht zu erklären, was Sinn und Zweck eines Antikriegsfilms ist. Oder von gewaltverherrlichender Literatur.


Cover
Wer den Sinn und Zweck dieser Kulturgüter nicht versteht, sollte deren Existenz einfach akzeptieren und sich auf den guten und in Deutschland etablierten Jugendschutz verlassen. Es gibt in Deutschland eine Prüfstelle, die all diese Medien untersucht und auf Herz und Nieren überprüft. Auch die deutschen Minister sollten sich auf diesen Jugendschutz und etablierten Mechanismen verlassen.

Immerhin fand sich auch ein Buch im Fundus des Attentäters von München. Das Buch, das auf der linken Seite zu sehen ist, das nebenbei bemerkt durchaus zu empfehlen ist. Das hat ihn aber ebensowenig zu einem Amokläufer werden lassen wie andere gewaltverherlichende Medien.

Ich möchte in keinster Weise verharmlosen, was in Deutschland derzeit passiert. Ganz im Gegenteil. Was Deutschland derzeit aber überhaupt nicht benötigt, ist ein Aufkeimen der sinnbefreiten Killerspieldebatte.


 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Vielen Dank für Ihren Kommentar. Bevor dieser sichtbar wird, muss er von einem Admin freigeschaltet werden. Bitte haben Sie etwas Geduld. Danke!