Mittwoch, 30. November 2016

Die Auszeit als Erziehungsmethode

Es ist noch gar nicht so lange her, da wütete ein Shitstorm durch's Netz, als Pampers eine Übersetzung eines britischen Textes veröffentlicht hat, in dem die Auszeit als probates Mittel zur Kindererziehung propagiert hat.

Mittlerweile ist der Artikel offline und es wird auf bindungsorientierte Erziehungsmethoden verwiesen, die dem heutigen (deutschen) Zeitgeist eher entsprechen.
Durchsucht man allerdings das Netz nach Auszeit als Erziehungsmethode, so erhält man erstaunlich viele positive Beiträge zu diesem Thema, die ebenfalls davon berichten, dass dies ein anwendbares Mittel ist, um einem Konflikt zwischen Eltern und Kind zu begegnen.

Ich persönlich neige dazu, die Welt nicht schwarz oder weiß zu sehen. Es ist nichts grundsätzlich gut oder schlecht, ebenso wenig wie es eine gute oder schlechte Erziehung geben kann. Viele Eltern behaupten von sich, dass sie die Auszeit ablehnen, weil sie grundsätzlich gewaltfrei erziehen. Und vergessen dabei psychische und seelische Gewalteinwirkung, die auch bei ihnen Anwendung findet.

Das letzte Mittel

Ja, wir haben durchaus auch mal die Auszeit angewandt. Bei dem Großen (8) vier oder fünf Mal, bei dem Mittleren (6,5) ein Mal und dem kleinsten (2,5) noch nie. Daran erkennt der Leser, dass wir dieses Mittel nicht regelmäßig anwenden.

Möchte ein Kind sich nicht die Zähne putzen, so kommt es dafür natürlich nicht in die Auszeit, sondern bekommt am Folgetag keine Süßigkeiten (wozu auch süße Brotaufstriche zum Frühstück gehören). Die beiden großen haben jeweils schon ein Wurstbrot verfrühstücken müssen.

Hinzu kommt, dass unser Großer irgendwie anders ist. Wir denken, dass es sich um etwas aus dem Bereich der Autismus-Spektrum-Störung handelt. Die Diagnose gestaltet sich als recht schwierig, weil dieses Störungsbild nicht eindeutig ist und sich viele Psychologen offensichtlich noch gar nicht derart intensiv mit dieser Thematik auseinandergesetzt haben.
Das gilt erschreckenderweise auch für die Kinderpsychologieabteilung einer Uni-Klinik. Von deren schlechten Ruf wir leider erst erfahren haben, als wir selbst entdecken mussten, wie sehr dort Kinder in vorgefertigte Schubladen gesteckt werden.

Dort haben wir die Auszeit kennengelernt und auch gesehen, wie in der dortigen Tagesklinik diese angewandt wird. Dort wurde uns auch empfohlen, die Auszeit als Mittel einzusetzen. Seither haben wir die Auszeit nur noch selten eingesetzt.

Das eigene Gefühl

Viele Eltern sind und werden verunsichert. Allein durch die Frage nach der guten Erziehung. Dabei gilt von kleinauf die Grundregeln, dass sich die Eltern mit dem wohlfühlen müssen, bei dem was sie machen. Und Grundregel bedeutet, dass dies immer und jederzeit gilt. Möchte das Kind z.B. nicht im eigenen Bett schlafen, dann ist niemandem geholfen, wenn es unter Zwang auszieht und die Eltern haben ein schlechtes Gewissen und fühlen sich nicht gut dabei.

Deshalb schläft der kleine noch immer bei uns im Bett, auch wenn er die ein oder andere Nacht schon im eigenen Bett geschlafen hat, das für ihn bereit steht.

Zu dem eigenen Gefühl gehört aber auch, dass man vielleicht selbst eine Auszeit braucht. Wenn ein Konflikt zwischen Eltern und Kind eskaliert, dann kann es auch eine Lösung sein, wenn der Vater oder die Mutter sich eine Auszeit nimmt.

Grundsätzlich lehnen wir die Auszeit ab. Wir fühlen uns nicht gut dabei, wenn jemandes Freiheit derart beraubt wird. Bei Kindern, die eine Autismus-Spektrum-Störung aufweisen, muss man allerdings manchmal zu anderen Erziehungsmethoden greifen, bei denen wir uns nicht immer wohl fühlen. Die Auszeit ist eine davon, weshalb wir nun schon seit sehr langer Zeit diese lediglich einmal ankündigen mussten, diese aber nicht zum Einsatz kam.

Besser ist es, wenn mal als Elternteil dahinterkommt, weshalb gerade eine Situation eskaliert und wie man dieser Situation am Besten begegnet. Oftmals helfen ganz einfach Dinge. Wie zum Beispiel mehr Zeit einplanen (z.B. zum Anziehen oder Fertigmachen) oder Reihenfolgen zu ändern (erst bettfertig machen, dann erst spielen, wenn noch zeit ist).

Natürlich eskalieren auch bei uns noch immer Situationen und die Kinder liegen in Wut und Trotz am Boden, aber die Auszeit ist nicht das Mittel der Wahl, um diesen Situationen Herr zu werden.

Am Rande bemerkt

Ich finde es übrigens recht interessant, wo das Konzept der Auszeit herkommt. Es ist zum Beispiel fester Bestandteil von "Triple P", ein Konzept, das in Australien und den USA entwickelt wurde, um schwer erziehbaren Kindern zu begegnen. Es wurde also in Ländern entwickelt, in dem es noch immer zum guten Ton gehört, Kinder mit körperlicher Züchtigung zu erziehen.

Wer der älteren Generation in Deutschland zuhört, kennt vermutlich selbst solche Aussagen wie: "Ein Schlag auf den Hinterkopf erhöht das Denkvermögen". Um eben dieser körperlichen Gewaltausübung zu begegnen, wurde als Alternativmethode die Auszeit angewandt. Es ist sicherlich vollkommen in Ordnung, dass den Menschen schrittweise versucht wird beizubringen, wie Gewalt vermieden werden kann.
Irgendwann sind diese Menschen dann auch empfänglich dafür, das kleine trotzende Kind vom Boden aufzuheben, es eng in den Arm zu nehmen und leise auf es einzureden.

Ich frage mich allerdings, weshalb es noch so viele Elternblogs gibt, auf denen relativ neue Artikel zu finden sind, die die Auszeit in Deutschland als durchaus angemessenes Erziehungsmittel preisen. Oder weshalb Pädagogen und Psychologen einer Kinderpsychiatrie einer Uniklinik den Eltern eines besonderen Kinds dieses Erziehungsmittel "beibringen".




Bei Frollein Pfau gibts im heutigen Mittwochs-mag-ich-Artikel mit glutenfreien Engelsaugen bei weitem nicht so schwere Kost wie hier.





Die neue Familienkonferenz zeigt als Alternative eine straffreie Erziehung. In naher Zukunft werde ich auch zu diesem Buch eine Rezension erstellen.

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