Freitag, 27. Januar 2017

Blick in eine andere Welt: Ben X

Nein, ich fange jetzt nicht noch zusätzlich an, Filmrezensionen zu schreiben. Aber manche Filme bleiben so beeindruckend in Erinnerung, dass ich ihnen einen Blogbeitrag widmen möchte. Ben X lief mir mehr oder minder zufällig bei Amazon Video über den Weg.

In der Handlungsbeschreibung war von einem "verschlossenen Außenseiter" die Rede, der Probleme hat, sich in der Gesellschaft zurecht zu finden. Schon nach wenigen Minuten wurden mir mehrere Dinge klar.

1. Dieser Film bewegt sich abseits des üblichen Hollywood-Einheitsbreis.

Das erkennt man nicht nur schnell daran, dass die Texte im Film auf niederländisch sind. Auch der Schnitt bewegt sich vollkommen abseits der üblichen Konventionen und gibt so einen anderen Blick auf den Protagonisten frei.

2. Der Protagonist ist nicht nur ein verschlossener Außenseiter

Schon nach wenigen Minuten haben wir etliche Parallelen zu unseren Sohn erkannt. Und uns war klar, dass der Hauptdarsteller nicht nur einfach ein verschlossener Außenseiter war, sondern ein Autist. Wer jetzt an Rain Man denkt, liegt falsch, denn der Autismus ist ein derart breites Störungsfeld, dass man heutzutage von einer Spektrum-Störung spricht.

Jeder Autist ist anders. Aber in manchen Bereichen gibt es durchaus Parallelen in dem Verhalten der Kinder. In diesem Film steht mit Ben ein Asperger-Autist in Mittelpunkt, der massive Probleme hat, in der Gesellschaft akzeptiert zu werden.

Sehr nah an der Realität


An manchen Stellen mag dieser Film ein bisschen das Bild überzeichnen, aber grundsätzlich gibt er erstaunlich präzise die Realitär wieder. Manches können wir zwar nur anhand von Literatur beurteilen, weil unser Sohn noch nicht im Alter des Hauptdarstellers ist, aber mit vielen Vorwürfen wurden auch wir schon konfrontiert.

Nicht nur die Kinder leiden unter ihrer Andersartigkeit, auch die Eltern werden massiv angegriffen. Natürlich muss es die Schuld der Eltern sein, wenn sich das Kind außerhalb der Norm verhält. Andere Möglichkeiten werden erst gar nicht in Betracht gezogen.

Und wer denkt, dass es in Deutschland sicherlich anders ist, der täuscht, denn selbst in einer Fachklinik konnte unserem Sohn nicht geholfen werden. Eigentlich noch schlimmer, denn er wurde in übliche Schubladen gesteckt.

Und eben jenes Fehlverhalten von Ärzten und der Mitmenschen, zeigt dieser Film sehr eindruckvoll.

Erfrischend anders

Zudem blendet der Film immer wieder kleine Interviews mit den Erwachsenen aus seiner Umgebung ein, die den Zuschauer wissen lassen, dass etwas passiert sein muss. Was es ist, wird im Dunkeln gelassen. Allein das Ende zeigt eindrucksvoll, wohin eine Andersartigkeit laufen kann.

Das Computerspiel Archlord (ein existierendes MMO, sowas wie WOW) spielt nicht nur im Leben von Ben eine entscheidende Rolle, nein, die Szenen aus dem Spiel passen sich perfekt in den Film ein und helfen Bens Gedankengänge nachzuvollziehen. Einfach genial gemacht, wie die verschiedenen Elemente in diesem Film mitander kombiniert werden.

Fazit

Der Film zeigt die Hilflosigkeit der Betroffenen, die Sensibilität von Ben und den rauhen Umgang der Mitmenschen. Er zeigt, wie auch heute (Asperger) Autisten, deren Andersartigkeit nicht sofort offensichtlich ist, an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Der Film berührt den Zuschauer gleich auf mehren Ebenen.

Er zeigt nicht nur ein realistisches Bild der (Asperger) Autisten, sondern auch wie offen unsere Gesellschaft wirklich ist. Er zeigt aber auch sehr eindruckvoll, zu welchen Kunstwerken europäische Filmemacher fähig sind, die man in Hollywood vergebens sucht.


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